„Edles Ross oder starker Bulle?“

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Ferrari 550 GT1 Baujahr 2000 Chassisnummer #115811

Seit den 50er-Jahren waren GT-Fahrzeuge eine Augenweide im Motorsport. Deren Motorsport-Erfolge sorgten gleichzeitig für eine Popularität dieser Modelle auf den Straßen. Bis in die späten 70er-Jahre hatten nicht nur die Werke große Erfolge, sondern auch Privatiers waren mit Grand-Tourismo-Autos erfolgreich.

Ein Hersteller hatte eine besondere Faszination für Fahrer und Fans des Motorsports: Ferrari! Im Motorsport übernahmen dann aber erst einmal für einige Jahre die Prototypen das Hauptinteresse. Der GT-Sport geriet ein bisschen in die zweite Reihe. In den 90er-Jahren wollten Jürgen Barth, Patrick Peter und Stéphane Ratel dies ändern und riefen die „BPR-Serie“ in`s Leben. Boliden wie McLaren F1, Ferrari F40 GT1 und Porsche GT2 in der kleinen Klasse, trugen zum Erfolg der Serie bei. Die Ferrari F40 verschwanden wieder schnell von der Bildfläche, und 1997 übernahm die FIA das Serienformat. Die FIA-GT-Meisterschaft entstand später.

Doch ein Publikums-Magnet fehlte: Ferrari! Stéphane Ratel animierte seinen Landsmann Jean Todt zum Bau eines Ferrari 550 nach dem GT-Reglement, nachdem Ferrari die Eigenentwicklung des F50 wieder eingestampft hatte. Ab Ende 1999 entstand der 550 bei Italtecnica. Anfangs erwies sich der 550er als nicht gerade standfest, speziell die Motoren sorgten für einigen Ärger. Auch bei Prodrive in England entwickelte man parallel zu Italtecnica die GT1-Version des 550er. Im Jahr 2001 fuhren die 550er ihre ersten Rennen. Die Ferrari 550 sah man weltweit im Einsatz. Man war erfolgreich in der „American Le Mans Serie“ (ALMS) unterwegs genauso wie in den europäischen Serien und Rennen. Klassensiege in Le Mans (2003) und auch bei den 24 Stunden von Spa. In Spa siegte man 2004 sogar im Gesamtklassement, das waren die Top-Erfolge des Modells Ferrari 550.

Das Reglement ließ etliche Freiheiten zu und machte das eigentlich schwer daherkommende Auto zum Sieganwärter. Die Karosserieteile wurden aus Kohlefaser gefertigt und brachten den Ferrari an die Reglementgrenze von 1100 Kilogramm. Über den riesigen Heckflügel generierte man ebenso viel „Downforce“ wie über die geänderte Stirnfläche mit „Flaps“ an der Front. Der große V12-Motor sorgte für knapp 600 PS aber auch für viel Gewicht am Vorderwagen. Eine nach hinten und tiefer gesetzte Einbaulage des Motors, machte das Auto ebenso fahrbarer wie die Verbauung etlicher Teile ins Heck. So fanden Ölkühler, Lichtmaschine genauso Platz im Heck wie der Öltank und sorgten für eine bessere Gewichtsverteilung. Schalten ließ sich der Ferrari über ein X-trac-Getriebe mit sechs Gängen. Eine Zündunterbrechung sorgte dafür, dass der Fahrer die Gangwechsel unter Volllast vornehmen konnte. Auch seine knapp 600 PS sorgten dafür, dass er konkurrenzfähig war.

Mitte der 2000er-Jahre verschwanden die meisten Ferrari 550 GT1 in irgendwelchen Garagen oder Lagerhallen. Sie fristen seitdem ein tristes Dasein, fernab jeder Rennstrecke. Der 550er mit der Chassisnummer #115811 diente damals auch noch als Entwicklungsauto und Testträger für den Ferrari 575 GTS. Nur hierdurch fand jetzt wieder seinen Weg auf die Rennstecken zurück.

Aber der Reihe nach: Bei Italtecnica entstanden zwei Fahrzeuge, die ab 2001 von Gabriele Rafanelli eingesetzt wurden. Jener Rafanelli, der früher verantwortlich für viele BMW-Einsätze war und besser bekannt ist unter dem Namen „Bigazzi“.

#115811 war im Besitz von Andrea Garbagnati und der ließ den anfangs erfolglosen Ferrari bei Rafanelli in San Gimignano „preparieren“. Als Fahrer gewann man für #115811 Emanuele Naspetti und Domenico „Mimmo“ Schiattarella. Beim ersten Einsatz stellte Naspetti den Ferrari auf den achten Platz der Startaufstellung der FIA-GT-Meisterschaft. Den ersten „Rennstint“ fuhr „Mimmo“ Schiattarella, der das erste Mal in seiner Karriere ein Auto mit Dach bewegte.

Das beste Saisonergebnis für #115811 war ein vierter Platz in Magny Cours. Zu einem Sieg reichte es nicht, da das Glück nicht immer auf deren Seite war. In Zolder stand man auf der Pole Position, führte das Rennen an bis zum Ausfall durch eine Kollision. Auch beim 24-Stunden Rennen Spa führte der Ferrari, bis man mit einer gebrochenen Antriebswelle ausschied. Er wurde unter anderem dort auch von Eric van der Poele gefahren. Rafanelli beendete seine Einsätze Ende der Saison mit dem Ferrari und das Auto ging wieder an Garbagnati zurück. Für die Saison 2002 wurde das Auto von „JAS Engineering“ weiterentwickelt. Anschließend wurde es von „DART Racing“ in Red Bull-Farben mit Dieter Quester und Luca Riccitelli eingesetzt.

Bei drei Renneinsätzen sah man aber nie die Zielflagge. Für 2003 ging #115811 an das französiche „JMB Racing Team“ und wurde in den ersten vier Rennen der FIA-GT-Meisterschaft eingesetzt. Er wurde von David Terrien, Boris Derichebourg und Christian Pescatori gefahren. Zum Ende der Saison fuhr Besitzer Andrea Garbagnati selbst. Er fuhr zusammen mit Andrea Bertolini in der italienischen GT-Meisterschaft und gewann beide Läufe am „A1 Ring“ in Österreich. Auch 2004 setzte „JMB Racing“ #115811 wieder in der italienischen GT-Meisterschaft ein. Die Fahrerpaarungen wechselten im Laufe der Saison. Den Saison-Auftakt gewann #115811 mit Mauricio Mediani und Lorenzo Case.

Nach zwei Rennen übernahm Domenico Guagliardo das Steuer von Mediani und gewann den Lauf mit Case in Magione. Und für die letzten zwei Rennen übernahm ein gewisser Toto Wolff – heute Mercedes-Sportdirektor – den Platz von Guagliardo. Am letzten Rennwochenende im italienischen Vallelunga konnte er mit Case gewinnen. Und dann kam die Stunde, die für fast jedes Rennauto irgendwann mal schlägt. Das Karriereende und ein Plätzchen in irgendeiner Garage, Halle oder bestenfalls noch in einem Museum. Doch jetzt kam #115811 wieder an das Rennstreckenlicht dieser Welt. Einsatzgebiete für diese noch recht jungen Baujahre gibt es mittlerweile bei „Peter Auto“ oder in der „Masters Serie“. Dort erfreuen sie speziell die Zuschauer mit dem infernalischen V12-Sound.

Angenähert hat sich der 550er-Ferrari an seine Vorfahren aus den fünfziger- und sechziger-Jahren. Diese Ausführung wird bekanntlich bei Sammlern schon mal für einen zweistelligen Millionen-Bereich den Besitzer wechseln. So hat unlängst ein Ferrari 550 GT bei einer Online-Auktion für satte 4,3 Millionen den Besitzer gewechselt. Gerade das macht #115811 zu etwas Besonderem. Hoffen wir nur, dass aufgrund des Wertes die weitere Karriere nicht wieder in einer stillen Sammlung endet. So ein Ohrenschmaus gehört auf die Rennstrecke, so lange es noch geht!

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Technische Daten

Ferrari 550 GT1

Motor

Ferrari 12 Zylinder, 65°-Aluminium-Block
Ventile pro Zylinder: 4, DOHC
Hubraum: 5983 ccm
Leistung: 600 PS
Drehmoment: 600 Nm

Kraftübertragung
6 Gang-Sequential/Heckantrieb

Fahrwerk | Chassis
Chassis: Karosserie mit Stahlkäfig Sicherheitszelle
Fahrwerk: Doppelquerlenker, Push-Rod-Stabilisator, Koni-Dämpfer
Lenkung: Zahnstangenlenkung/Servo-unterstützt
Bremsen: Brembo Carbon/Ceramic-Scheibenbremsen, vorne und hinten innenbelüftet
Reifendimensionen: Reifen vorn 325/660 – 18 Reifen hinten 325/705 – 18

Abmessungen | Gewichte
Länge 4578 mm, Breite 19856 mm, Höhe 1092 mm
Radstand: 2500mm
Gewicht (gemäß Reglement): 1100 kg
Eigentliches Leergewicht: 907 kg