Fredy Lienhard – Schneller Gentleman

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Fredy Lienhard, am 14. September 1947 als erstes von fünf Kindern in Herisau/Schweiz geboren, interessierte sich schon früh für alles, was vier Räder hatte. Laut seiner Mutter war das erste Wort, dass klein Fredy sagen konnte, «Auto» und nicht «Mama». Sein erster Kontakt zu Wettbewerben auf vier Rädern war der Seifenkisten-Sport. In Eigenregie entstand die erste Seifenkiste und Fredy Lienhard fuhr 1959 sein «erstes Rennen », nachdem sein Vater ihm vier Räder zum Bau einer Seifenkiste geschenkt hatte. Quasi der Startschuss für seine Rennsportkarriere.


Nach den Anfängen bei den Seifen-kisten, die er meist selbst baute und sogar mit einem Motor ausstattete und damit im Dorf umher oder schon mal ver-botenerweise bis zum Bodensee hinunter-fuhr, kam der Sprung 1964 in den noch in den Kinderschuhen steckenden Kartsport, den er zwei Jahre lang betrieb. Schon im Jahr 1965 bestritt Fredy Lienhard erste Automobil-Rennen auf einem Austin Speed-well 1100, ab 1967 fuhr er einen Morris Cooper S oder auch mal einen BMW 1800 TI. Fredy Lienhard war recht schnell in den Top 5 zu finden, egal ob Rundstrecke oder Bergrennen, die bei den Schweizern sehr beliebt sind und die ersten Siege liessen nicht lange auf sich warten. Im Jahre 1968, noch während seine Studenten-Zeit, gründete Fredy Lienhard mit Freunden sein eigenes Renn-Team, das «Lista Racing Team». Benannt nach der Firma seine Va-ters Alfred Lienhard, der «Lienhard Stahl-bau AG». Vater Alfred Lienhard war sicher ein Motivationsfaktor und Vorbild für den Motorsport, betrieb dieser in frühen Jahren erfolgreich Motorradrennen. Das Team gründete er mit Freunden zusammen, unter anderem auch Markus Hotz, der später das «Horag Racing Team» gründete und für Fredy Lienhard viele Einsätze betreute. Die Erfolge im Tourenwagen bewegten Fredy Lienhard dazu, 1969 erstmals auf einen Formel-Monoposto umzusteigen, und so nahm er in einem Formel Vau Platz. Der war übrigens, wie auch die Seifen-kisten, selbst gebaut. Mit Freunden baute man im «Lista Racing Team» einige Formel Vau und mischte nicht nur die Schweizer Motorsport-Szene auf. Schon bei der ers-ten «Ausfahrt», dem Roll Out auf dem «Lista» Firmengelände, war Fredy Lienhard vom Formel-Fahren fasziniert: «Es war ein tolles Gefühl, die sich drehenden Räder zu sehen, etwas ganz anderes wie im Touren-wagen». Sein erstes nationales Rennen im Formel Vau gewann Fredy und es schien so, als würde Fredy Lienhard im Formel-Sport seinen Weg machen.

12 Stunden Sebring 2007: Fredy Lienhard am Limit im Lola-Judd
12 Stunden Sebring 2007: Fredy Lienhard am Limit im Lola-Judd
1964: Erstes Automobilrennen im Austin Speedwell 1100

Die Rückschläge des Fredy Lienhard

Doch 1970 gab es einen Schicksals-schlag für Fredy Lienhard, und es war erst mal Aus mit dem Motorsport, als im April sein Vater Alfred unerwartet verstarb und Fredy Lienhard, als damals 22-Jähriger, die Firma seines Vaters übernehmen musste. Aber 1971 kam Fredy Lienhard zurück in den Motorsport und wagte den Sprung in die Formel Super Vau. Es folgten Berg- und Rundstreckenrennen. Beim Hemberg-Bergrennen 1971 gab es allerdings den nächs-ten Rückschlag. Fredy Lienhard hatte nach einem Konzentrationsfehler, einen schweren Unfall. Nach seinem wilden Überschlag saß er aber zwei Wochen später schon wie-der in Hockenheim im Rennauto und setzte seine Karriere fort. Doch er wechselte aus Sicherheitsgründen 1972 in den GT-Sport und fuhr Anfangs auf einem Porsche 911 R 2,5l. Sofort zählte er auch dort zu den Schnellsten und war meist auf dem Podium zu finden. Für 1973 legte sich Lienhard einen Porsche RSR zu und erreichte einige Siege. Allein in 1974 fuhr er damit zehn Siege ein. Trotz der Erfolge wechselte Fredy Lienhard erneut sein Einsatzgerät. «Es war eine Super-Zeit mit dem Porsche, die Autos waren perfekt, es resultierten Super-Resultate, aber es waren eben doch keine Formel-Autos».

Der Aufstieg von Fredy Lienhard

So wagte Fredy Lienhard 1975 den Wechsel in den Prototypen-Sport und fuhr einen March 75 S, «das war ein Traumauto, viel besser als die GT-Autos, das lag mir so-fort», so Fredy Lienhard. Mit dem March 75 S nahm Lienhard meist an den Läufen zur Schweizer Meisterschaft teil und war mit etlichen Podiumsplätzen und Siegen auf Titelkurs. Den Titel verlor er aber denkbar knapp. Mit einem komplizierten Bewertungssystem verlor Fredy Lienhard den Titel knapp um ein paar Zehntel über das ganze Jahr gerechnet… Aber Fredy Lien-hard konnte auch aus Niederlagen lernen und gewann dem etwas Positives ab: «ich habe immer aus dem Rennsport heraus auch etwas in die Firma übertragen können oder umgekehrt. Es gab immer Synergien, die mir geholfen haben, im Sport wie auch im Business Erfolg zu haben» sagt der erfolgreiche Unternehmer, der früh Verantwortung in der Firma übernehmen musste und den Rennsport noch neben dem verantwortungsvollen Job betrieb. Ein richtiger Rennprofi war er also nie, fuhr aber stets in die vorderen Ränge und auch die Autos, die er schnell bewegte, wurden immer extremer. Denn nach einem Jahr im Sportprototypen kam für 1976 ein Formel 2 in das «Lista Racing Team». «Das war noch mal eine Spur mehr Rennwagen als der Prototyp» sagt Fredy Lienhard, «das hat mir extrem viel Spaß gemacht, wir haben schö-ne Resultate erzielt, und ich bin sogar in der Formel 2 Europameisterschaft gestartet». Dann die nächsten Schritte in 1978. Im März 1978 heiratete Fredy seine große Liebe Regula und kaufte sich einen March-BMW 782, quasi als eigenes Hochzeitsgeschenk. Wer von der Konkurrenz also dachte, Fredy Lienhard würde wegen sei-ner Heirat vom Rennsport zurücktreten, der wurde enttäuscht. Der Rücktritt kam erst im Jahre 1984, als er 36-jährig aus Alters-gründen seinen Rücktritt erklärte und dem Rennsport «Ade» sagte. Bis dahin war er erfolgreich mit einem Formel 2 unterwegs.

Der schnelle Rücktritt vom Rücktritt des Fredy Lienhards

Doch die Konkurrenz konnte sich nicht lange am Rücktritt Fredy Lienhards erfreuen, denn bereits Anfang 1985, der Rücktritt war wohl doch eher nur eine Winterpause, kam Fredy Lienhard mit einem Prototypen zurück und gewann auf einem Osella-BMW PA10 sein erstes Rennen bei seinem Comeback im «Autodromo Enzo e Dino Ferrari». Und in 1985 und 1986 hatte die Konkurrenz nur etwas zu lachen, wenn Fredy Lien-hard ausfiel. Alle anderen Rennen hatte er gewonnen. Doch 1987 kehrte er wieder zurück zur Formel 2. Beim Saisonauftakt in Misano gewann Fredy Lienhard im March BMW 842 beim Lauf zur Schweizer Meisterschaft. Dann 1989 der Wechsel auf ei-nen Formel 3000, einen March-Cosworth, übrigens das Meisterschaftsauto von Stefa-no Modena, der damit 1987 Formel 3000 Champion war. 1991 wurde der March noch gegen einen Reynard-Cosworth ge-tauscht, bevor Fredy Lienhard 1993 wieder zu den Sportwagen wechselte und in der Interserie auf einem Lola Can-Am fuhr.

Zurück zu den Sportwagen

1995 dann der Kauf eines Ferrari 333SP und der Sprung über «den grossen Teich». Mit dem Ferrari ging er vor allem in Amerika an den Start. Sein Debüt-Rennen zur Schweizer Meisterschaft in Hockenheim, quasi ein Testeinsatz, gewann Fredy Lien-hard auf Anhieb mit dem Ferrari 333SP. Beim ersten Rennen in den USA, dem IMSA Rennen in Road Atlanta, verunglückte er jedoch mit dem Auto schwer. Harter Ein-schlag nach einer Berührung mit einem Überrundeten, der Ferrari verlor quasi die Linke Seite komplett. Im Chassis klaffte ein großes Loch, und der Ferrari war nur noch Schrott. Doch aufgeben, gibt es nicht bei Fredy Lienhard, das hat er auch in schwierigen Zeiten in seinem erfolgreichen Unternehmertum gelernt. Beim nächsten Rennen stand Fredy Lienhard mit einem neuen Ferrari 333SP erneut am Start. In Europa gewann Fredy mit dem Ferrari 1997 in Zolder und 1998 in Le Castellet. Dem springenden Pferd blieb er bis ins Jahr 2000 treu. Erst als das Pferd etwas lahmte, der Ferrari-Motor konnte mit dem neuen Reglement und dem Air-Restriktor nicht mehr der Konkurrenz leistungsmäßig folgen, machte Fredy Lienhard einen neuen Clou. Er baute den Ferrari 333SP auf einen 10-Zylinder-Judd-Motor um! Damit konnte er sogar den Lauf in Road America/Elkart Lake gewinnen. Anfangs 2001 dann der Wechsel zu einem neuen Projekt, ein Abenteuer mit einem Crawford SSC2K-Judd mit dem man aber in Daytona ausfi el. Nach einem vierten Platz in Phönix wechselte man wieder auf den Ferrari-Judd und gewann die Rennen in Watkins Glen und Road America. Im Sportwagen immer an seiner Seite sein Co-Driver und Freund Didier Theys. Der war es auch, der mass-geblich am Erfolg im Sportwagen beteiligt war. Und das nicht nur als Fahrer. Didier Theys ist Berater, Coach und Freund. Die beiden verbindet eine lange Freundschaft, wie es sie im Motorsport nur selten gibt.

1964: Erstes Automobilrennen im Austin Speedwell 1100

Bergrennen Hemberg 1971: Schwerer Unfall mit Überschlagen im Formel Super V von Fredy-Lienhard
Bergrennen Hemberg 1971: Schwerer Unfall mit Überschlagen im Formel Super V
Businessman in der Woche, konzentrierter Rennfahrer am Wochenende: Fredy Lienhard
Businessman in der Woche, konzentrierter Rennfahrer am Wochenende: Fredy Lienhard

Der große Erfolg von Fredy Lienhard

Und Didier Theys war es auch, der hauptsächlich die Bausteine für den großen Erfolg Fredy Lienhards zusammenbrachte. Er war es, der «Doran Racing» ins Spiel brachte, jenes Team, das die USA-Einsätze abwickelte. Und für 2002 schnürte man ein besonderes Paket. Beim Saisonauftakt in Daytona, dem berühmten 24 Stunden Rennen, trat Fredy Lienhard mit «Doran Ra-cing» auf einem Dallara-Judd V10 an. Die Fahrerpaarung: Fredy Lienhard, Didier Theys, Mauro Baldi und Max Papis. Dem Team gelang es, eines der härtesten Rennen der Welt gewinnen zu können. Fredy Lienhard war damit erst der zweite Schweizer nach Jo Siffert, dem es gelang, den 24 Stunden-Klassiker von Daytona zu gewinnen. Ein riesiger Erfolg für den schnellen Gentle-man Driver. Fredy Lienhard hat viele Ren-nen gewinnen können, aber Daytona ist sicherlich das Highlight seine Rennfahrerlaufbahn gewesen. So folgte zum Beispiel noch der Gesamtsieg in der Grand-Am-Serie, in Mont Treblant 2002. Auch das für ihn ein besonderer Erfolg, erzielte er diesen Gesamtsieg doch zusammen mit seinem Sohn Fredy Alexander Lienhard. Bis ins Jahr 2006 blieb Fredy Lienhard dem Rennsport in den USA treu. Auch hier gab es für ihn wieder Synergien, denn er machte mit den Erfolgen im Rennsport und dem ver-bundenen Marketing den Namen «Lista» in den USA bekannt und nutzte es so für ein neues erfolgreiches Business. In 2005 schnupperte Lienhard aber mit den Rennen in Monza und Silverstone schon `mal in die «European Le Mans Serie» hinein und war mit dem Team seines Freundes und Mitgründer des «Lista Racing Team», Markus Hotz und dessen «Horag Racing Team» mit einem Lola-Judd am Start. 2006 war man dann mit «Horag Racing» in der «American Le Mans Serie» noch mal beim «Petit Le Mans» in Atlanta und in Laguna Seca in den USA vertreten. 2007 dann noch mal ein Einsatz in Sebring mit dem Lola-Judd, bevor man ihn zurück nach Europa schickte um die ELMS zu bestreiten. In den USA trat Fredy Lienhard dann erneut mit «Doran Racing» und einem Maserati MC12 bei den Rennen in Elkart Lake und Atlanta an.

Freunde und Teamkollegen: Didier Theys und Fredy Lienhard
Freunde und Teamkollegen: Didier Theys und Fredy Lienhard
Fredy-Lienhard mit Lenkrad und Helm vom schweren Unfall in Hemberg
Lenkrad und Helm vom schweren Unfall in Hemberg

Die Abschieds-Saison des Fredy Lienhard

Für das Jahr 2008 machte der Schweizer Unternehmer noch einmal «Nägel mit Köpfen». Es wurde ein Porsche RS Spyder gekauft, der vom «Horag Racing Team» in der ELMS eingesetzt werden sollte. Der LMP2 Prototyp von Porsche war das Maß aller Dinge in der LMP2-Klasse und war hier und da sogar der Anwärter auf einen Gesamtsieg gegen die stärkere LMP1-Fraktion. Ein Sieg blieb dem erfolgreichen Hobbyrennfahrer allerdings verwehrt, da sein Teamkollege in Monza das Auto in Führung liegend in das Kiesbett setzte und in Spa in Führung liegend noch mal nachgetankt werden musste. So waren zwei zweite Plätze in Spa und in Silverstone die erfolg-reiche Ausbeute. Mit dem zweiten Platz in Silverstone verabschiedete sich Fredy Lien-hard erneut, aber diesmal endgültig, mit 61 Jahren vom aktiven Rennsport. Und das an seinem 61. Geburtstag! Schöner kann man seinen Abschied von einer langen und erfolgreichen Motorsport Laufbahn nicht feiern. Er war in erster Linie Unternehmer und hat den Rennsport immer nur als Hob-by betreiben können, da er die Verantwortung für seine erfolgreich geführte Firma tragen musste. Doch mit einem Gesamt-sieg bei den 24 Stunden von Daytona hat sich der Gentleman in die Siegerliste der ganz Großen eingetragen. Der gradlinige, aber stets freundliche und vor allem faire Sports- und Geschäftsmann, kann jedoch das Fahren nicht lassen. Zwar fährt der mittlerweile 76-jährige keine Rennen mehr, holt aber regelmäßig einige seiner Boliden aus seinem Museum und ist im Fahrerlager ein gern gesehener Gast. Für den Schweizer Rennsport hat der Unternehmer viel getan. In einigen Serien, auf Autos oder Rennoveralls ist das «Lista» Logo zu sehen gewesen und Lienhard unterstützte damit den Schweizer Rennsport und dessen Fah-rer. Etlichen Talenten hat er auf dem Weg nach oben geholfen, so zum Beispiel Neel Jarni oder Simona di Silvesto. Fredy Lien-hard hat fast alle seiner Rennsport-Boliden behalten und im Jahre 2007 im schweizerischen Romanshorn die «autobau Erlebniswelt» geschaffen um der Öffentlichkeit Zu-gang zu seiner eindrucksvollen Sammlung zu gewähren. Und diese Exponate stehen nicht nur in der «autobau Erlebniswelt» zur Ausstellung, sondern werden von Fredy Lienhard häufig und zügig bewegt. Bei Trackdays oder Demoläufen bei Schweizer Bergrennen sind seine Lolas, Porsche oder Formel-2-Fahrzeuge schnell auf der Strecke unterwegs und manch einer glaubt nicht, dass dort ein 76-Jähriger am Steuer ist. Fredy Lienhard hat zwar kein Comeback mehr gegeben, aber lassen kann er das schnelle Bewegen von hochkarätigen Rennwagen nicht… Einmal Racer, immer Racer!


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Fotos: Peter Heil/Privat Archiv Fredy Lienhard