Das Goodwood Revival: Rennsport-Leckerbissen, gelebte Nostalgie

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Auch das diesjährige Goodwood Revival glänzte mit einem motorsportlichen Mehr-Gänge-Menü der Extra-Klasse, zu dem natürlich der entsprechende Dress-Code gehörte. Stirling Moss, 1961 Siebenfacher TT-Sieger in Goodwood, der 1962 hier durch Unfall seine Karriere beenden musste, hatte noch 2018 gesagt:„Beim Revival dabei sein zu dürfen, ist eine Ehre.“

Strahlend blauer Himmel, ausverkauftes Haus und ansteigendes Stimmungsbarometer schon bei der morgendlichen „Goodwood Trophy“: Das diesjährige Revival stand nicht nur im Zeichen des 75-jährigen Jubiläums einer Rennstrecke, die 1948 Frederick Gordon-Lennox, 9th Duke of Richmond, auf dem ehemaligen Airfi eld der RAF errichtet hatte. Sein Enkel, Charles Henry Gordon-Lennox, 11th Duke of Richmond, 11th Duke of Lennox, 11th Duke of Aubigny, 6th Duke of Gordon und zuvor Earl of March and Kinrara, strahlte. In seinen Ansprachen würdigte er das Lebenswerk von Colin Chapman und Carroll Shelby, jeweils verbunden mit einem riesigen Fahrzeug-Korso motorsportlicher Pretiosen. Mit von der Partie waren nicht nur Colins Schwester, die das Erstlingswerk des genialen Konstrukteurs, den Mark 1, pilotierte. Dieses bei Cross-Veranstaltungen eingesetzte Vehikel durfte keinen Ballast auf die Hinterräder bringen. Da hatte Colin einfach zwei schwere Ersatzräder auf die Ladefläche darüber gepackt, mit dem schnippischen Vermerk: „Ersatzräder sind laut Reglement nicht verboten!“ Colins Sohn Clive, der das Erbe seines berühmten Vaters hochhält, und seine Schwester Jane fuhren natürlich auch mit. Mit bewegten Worten erinnerte der Duke an den Todestag der Queen, genau ein Jahr zuvor. Und auch hier gab es ein Begleit-Corso, nämlich aller Land Rover, in denen die Queen chauffiert wurde. Den royalen Glamour unterstrichen die 36 Bärenfellmützen-Träger des Musikcorps der „Irish Guards“, deren „Colonel-in-Chief“ der englische König Charles III. ist. Die „Goodwood Trophy“ – hier siegte Ian Baxter in einem Alta G1 von 1937 vor vier ERA-Varianten der Jahrgänge 1931 bis 1938 – eröffnete den motorsportlichen Reigen. Während Jacky Ickx noch Autogramme gab, neben der Strecke das volle Familien-Programm anlief und bei Bonhams bereits die ersten Auktions-Gebote eingingen, machten sich die Kids zur ihrem ersten Tretauto-Rennen parat. In diesem „Setringham Cup“ mit beidseitigen Le Mans-Start wurde kräftig in die Pedale der Austin A40-Nachbildungen getreten, unter den Anfeuerungsrufen von Vätern, die teilweise selbst Rennen fahren. So wurde Luca Franchitti Dritter und unterstrich die Kraft seiner Beinmuskulatur mit einem fünften Rang am Sonntag.

Le Mans-Stars Dumas und Kristensen vor Jenson Button beim Goodwood Revival

Erster Höhepunkt eines jeden Revivals ist natürlich die „St. Mary`s Trophy“ in deren ersten Part prominente Rennfahrer antreten und am Sonntag dann die Besitzer der jeweiligen Fahrzeuge ranmüssen. Gewertet wird zusammen. Am Schluss der Startaufstellung fanden sich Mark Blundell und Alex Brundle wieder, mit Tom Kristensen als „roter Laterne“. Dem Rekord-Le Mans-Sieger war im Training das rechte Vorderrad seines Austin A90 Westminster abgebrochen. Bereits bis zur dritten Runde hatte Tom 14 Plätze gut gemacht. Jenson Button, Alfa Romeo Giulietta Ti, im Zweikampf mit dem siebenfachen NASCAR-Champion Jimmie Johnson, Austin A40, konnte gerade noch ausweichen, als sich vor ihm Karun Chandhoks Standard Vanguard drehte. Dieser Ex-F1-Pilot und TV-Moderator fiel dadurch auf den elften Platz zurück. An der Spitze lieferten sich Romain Dumas, Ford Thunderbird, und Rob Huff, Jaguar Mk1, einen erbitterten Zweikampf – beide teilweise mit abenteuerlichen Driftwinkeln. Im Ziel trennten die Duellanten nur zwei Sekunden. Dumas: „Rob hat mich ganz schön auf Trab gehalten.“ Huff: „Es war faszinierend, dieses hin und her schwankende ´Schiff ` vor mir zu beobachten.“ Und Tom, der sich auf den dritten Platz vorgearbeitet hatte, zollte seinem Mechaniker Paul allen Respekt: „Der hat nur anderthalb Stunden geschlafen, um den Wagen über Nacht wieder einsatzbereit zu machen. Jenson Button, zeitweilig Tür an Tür mit Jimmie Johnson, lobte den US-Amerikaner: „Hast wirklich gut gekämpft!“ Und der entgegnete: „Noch nie in meinen Leben bin ich mit einem so kleinen Auto ein so großes Rennen gefahren.“

In den hinteren Reihen hatten Gary Paffet und Jochen Mass, Letzterer in einem Riley One-Point-Five, ihr Pensum abgespult, während ein kleiner BMW 700 munter im Mittelfeld mitgemischt hatte. Prominente Ausfälle: Mark Blundell, Richard Atwood und David Brabham. Im Rennen der Fahrzeughalter sorgte eine Ölspur für Durch-einander, bei dem auch der von Kristensen drittplatzierte A40 zum Opfer fi el. Nach einer Manderson-Off-Road-Einlage konnte dagegen der Ex-Johnson-A40 weiterfahren und sich im Gesamtklassement den dritten Platz sichern, knapp vor Button/Meadon im Alfa Romeo. Nachdem Fred Shepherd mit dem Thunderbird gleich drei der ihn bedrängenden Jaguar Mk1 abgewimmelt hatte, sicherte er sich und Romain Dumas wie schon im Vorjahr den Gesamtsieg.

Luftkampf mit Spitfires beim Goodwood Revival

Die große Zeit der Bentleys zwischen1925 und 1929 dokumentiert sich im „Rudge-Whitworth Cup“, wenngleich hinter dem siegreichen Bentley Speed Model von Ben Collings und Gareth Graham ein Bugatti Typ 44 und ein Vauxhall Brooklands Special vor weiteren Bentleys landete. Die „Freddie March Memorial Trophy“ sah den Maserati 250S der „Gentlemen-Driver“ Wilson und Bradley vor einem HMW-Jaguar und einem Jaguar C-Type vorn. Hier trat auch Jenson Button erstmals in einem C-Type an. Apropos Freddie March: Ihm ist der „Spirit of Aviation“ gewidmet. „Freddie“ 9th Duke of Richmond war ein Flugzeug-Experte und RAF-Pilot im Zweiten Weltkrieg. So erinnert jedes Goodwood Revival mit ausgewählten Flugzeugen an jene Zeit. Neben sechs Su-permarine Spitfire, die auch den Luftkampf probten, und einer Hawker Hurricane Mk X von 1940 fielen auch eine Travel Air 4000 von 1928 und eine 1936er Focke Wulf auf. Daneben präsentierten sich neben Freddies Privat-Maschine auch größere Fluggeräte wie eine Douglas Dakota C-47A, eine Fairey Swordfish Mk 1 oder das Flugboot Grumman Albatross. Soviel zu Freddies Air Force!

Exklusives Ferrari 250er-Kräftemessen

Ferrari 250 GT SWB, 250 GTO, 250 LM und der 250 GT „Breadvan“: Insgesamt 16 Wagen, deren Gesamtwert sich auf mehr als 100 Millionen Euro beläuft, bestreiten keinen Pretiosen-Corso – nein, sie messen sich im sportlichen Wettbewerb um den „Lavant Cup“ auf der Rennstrecke. Man bedenke nur, dass 2018 der GTO des da-maligen Microsoft- Chefentwicklers Gregory Whitten für 48,8 Millionen Dollar einen neuen Besitzer gefunden hatte. An der Spit-ze beharkten sich Rob Hall, 250 LM, und Emanuele Pirro, 250 GT SWB/C, als gäbe es kein Morgen. Pirro drängelte schon in der ersten Runde derart, dass Hall neben die Piste kreiselte und die Bande leicht berührte, um sofort eine Verfolgungsjagd zu starten. Der „Breadvan“ war in der technischen Ab-nahme über eine Kleinigkeit gestolpert und ergo als Letzter gestartet. Mit Alexander Ames am Volant hatte er bald ein Dutzend Konkurrenten hinter sich gelassen. Karun Chandhok in einem silbernen GTO galt es noch zu knacken. Karun: „Ich kam aus der `Lavant´ auf die Gerade als ich einen Knall vernahm und die Hinterräder kurzfristig blo-ckierten. Dann sah ich den riesigen Feuerball am Heck, lenkte den Wagen links aufs Gras und schälte mich aus dem Cockpit.“ Öl auf den heißen Auspuffrohren – der Motor war explodiert, und ein Teil hatte die Ölwanne durchgeschlagen! Schneller Löscheinsatz verhinderte das Gröbste. Chandhok: „Jam-merschade aber reparabel – der GTO gehört zu meinen absoluten Traumwagen.“ Hall, der in der vierten Runde mit 1.27,8 super-schnell war, gewann vor Pirro und Ames.

So etwas wie ein Porsche-Cup

Getümmel in der ersten Runde der „Fordwater Trophy“, einem Rennen von 30 Porsche 911, allesamt Baujahr 1965. Bei einem Crash in die aus Reifenstapeln be-stehende Bande war diese derart nachhal-tig geplättet worden, dass der Wiederauf-bau längere Zeit in Anspruch nahm. Gaby von Oppenheim, die einzige Dame in der Herren-Runde, zu der auch Jenson Button, Mark Webber und Emanuele Pirro gehör-ten, hatte einen schlechten Start erwischt und landete auf dem 20. Platz. Ihre schnells-te Rundenzeit war freilich nur 1,5 Sekunden langsamer als die des Ex-Formel-1-Welt-meisters, der zusammen mit seinem Co-Driver Bates Rang neun belegte, knapp vor der Paarung Pirro/Orjuela. Webber schien Gefallen an dem 911er-Treffen gefunden zu haben und mischte kräftig mit. So kam das Duo Webber/Crimes auf den fünften Platz. Klare Sieger: Andrew Jordan und Matt-hew Holme. Während die 911er ihre Kreise zogen, wirbelten auf der Tanzfläche Paare nach Rock `n Roll-Rhythmen übers Parkett.

CanAm-Feeling

McLaren contra Lola – wie in besten CanAm-Zeiten! James Davison, McLaren-Chevrolet M1B, behauptete sich hauchdünn (1,9 Sekunden) vor dem Lola-Chevrolet T70 Spyder von Oliver Bryant und dem McLaren von Stuart Hall in der „Whitsun Trophy“ für die Sport-Prototypen bis 1966. Dahin-ter kabbelten sich Andrew Hadden, McLa-ren-Chevrolet M1A, und Anthony Sinclair, Lola-Chevrolet T70 Spyder. Ein Crash hatte für eine Safety-Car-Phase gesorgt. Pech für den Japaner Katsuaki Kubota: Sein gelber Lotus 30 fiel in der letzten Runde mit Mo-torschaden aus. Während Jackie Stewart in einem Tyrrell 006 seine Ehrenrunden dreh-te, tobte das Volksfest an allen Ecken und Enden, wurden die ersten originellen Kos-tüme prämiert und handwerkliches Kön-nen demonstriert. Erneut besonders stark war die Zweirad-Fraktion vertreten, die um die „Barry Sheene Trophy“ kämpfte.

Formel Junior: Lotus-Domäne beim Goodwood Revival

30 Wagen der verschiedensten Chas-sis-Hersteller – die damalige Formel Junior wurde von 28 Marken beliefert – traten zum „Chichester Cup“ an. So auch Marco Werner mit seinem Lotus 22. Doch der hatte schon im Training kleinere Probleme. Erst versagte der Anlasser seinen Dienst, weil sich die Zähne am Schwungrad ab radiert hatten, dann musste nach dem Training ein Radträger ge-wechselt werden, doch das Hauptproblem war die nicht genügende Leistung. Marco: „Beim Start habe ich 8000 Touren gedreht, doch die Drehzahl fiel auf den ersten hun-dert Metern in einen Bereich, der den Motor stottern ließ. Die dadurch verlorenen Plätze konnte ich mir zwar zurück erobern, doch gegen den Tonetti vor mir reichte die Pow-er nicht.“ Roberto Tonettis Brabham BT6 war als Zehnter der beste „Nicht-Lotus“. Teilweise mit “Nose-to-Tail-Berührungen“ scheuchte Sam Wilson den Pole-Setter Ho-ratio Fitz-Simon vor sich her, und auch Cli-ve Richards, alle auf Lotus 22, war nur 1,3 Sekunden dahinter. Sam stöhnte nach dem Rennen: „Horatio zu folgen, war Schwerst-arbeit.“ Clive, mit der Sieger-Podest-Zigarre im Mund: „Habe mich zu lange hinter einem Backmarker aufgehalten und dadurch den Anschluss verloren.“ Alex Brundles Renn-Debüt in einem Lotus-Ford 27 verlief äußerst erfolgreich: Er wurde Vierter. Bei den Sport-wagen jener Jahre hatte sich in der „Sussex-Trophy“ der 1960er-Ferrari 296S Dino von Sam Hancock in das Sandwich der Lotus-Climax 15, Baujahr 1958, von Oliver Bryant und Miles Griffiths geschoben.

Abgesang der Frontmotoren und Re-genschauer beim Goodwood Revival

Unter bewölktem Himmel lieferten sich bis zur sechsten Runde der „Richmond & Gordon Trophies“ Miles Griffiths, Lotus-Climax 16 von 1958, und William Nuthall, Cooper-Climax T53 von 1960, ein herrliches Duell. Doch dann rollte der Lotus aus. Andrew Willis, BRM P48, übernahm die Rolle des Nuthall-Jägers. Hinter ihm drehte der Lotus 18 von Andrew Beaumont seine Runden. Marino Franchitti, Maserati 250F, landete auf dem sechsten Rang und war damit bester Frontmotor-Pilot vor dem Sca-rab-Offenhauser von Mark Shaw. Leider fiel der Cooper-Climax T53 von Rudi Friedrichs bereits in der vierten Runde aus. Just als die Formel-1-Jahrgänge ab 1962 zum Rennen um die „Glover Trophy“ aufgerufen waren, öffnete sich eine schwarze Wolkenwand. Im strömenden Regen ging zunächst Pole-Setter Andy Middlehurst, Lotus-Climax 25, in Führung, wurde aber bald von Ben Mitchell, LDS-Climax F1, und Andrew Willis, BRM P261, überholt. In der vierten Runde leistete sich Willis eine Grasbahn-Einlage, die ihn kurzfristig zwei Plätz zurück warf. Dreher waren an der Tagesordnung: Für Mike Shaw freilich nachhaltig, denn er rammte dabei die Front seines Lotus voll in die Bande – wie übrigens zuvor auch Frederico Burati mit seinem Lotus-BRM. Willis gewann schließlich in einem BRM, den einst Jackie Stewart bewegt hatte. Hinter dem zweitplatzierten Mitchell sicherte sich Samuel Harrison, Brabham-Ford BT10, den dritten Podestplatz. Der zweite BRM P261, gefahren von Philipp Bu-hofer, beendete das „wet race“ als Sechster.

Hatten die Cobra-Piloten noch in der Freitags-Qualifikation bei herrlichem Wetter die Kraft ihrer bulligen Motoren voll entfalten können, so machte ihnen der Regenguss am Sonntag einen dicken Strich durch alle Sieges-Ambitionen. Die Jaguar E-Type operierten auf dem nassen Geläuf einfach schnittiger. Während einige Cobras wild durch die Gegend und durchs Kiesbett rutschten, drehte Andy Priaulx im E-Type voll auf. Mit neun Sekunden Vorsprung gewann er mit William Paul vor dem E-Type von Ri-chard Kent und Nicolas Minassian. Erst da-hinter landeten die AC-Cobra-Crews Marino Franchitti/Oliver Bryant, Bill Sheperd/Romain Dumas und Saif Assam/Karsten Le Blanc. Prominente „Cobra-Bändiger“ wie Alex Brundle und Jimmie Johnson mussten sich mit den Plätzen neun und zehn bescheiden. Mit einem derartigen Ausgang der „RAC TT Celebration“ hatte das Publikum zwar nicht gerechnet, war aber dankbar, dass die Schlecht-Wetter-Zone bald abzog. Fazit vom Regen-erprobten Jacky Ickx: „Waren doch nur ein paar Tropfen, schließlich war das, was wir hier drei Tage lang erleben durften, fantastisch.“


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