“Sexy Sixwheeler“

Den kühnen Konstrukteurs-Ideen eines Derek Gardner wurde er nur teilweise gerecht: der Tyrrell P34/2. Seine Formel-1-Kreation mit vier kleinen Vorderrädern konnte 1976 und 1977 lediglich einen Sieg aber immerhin einige Podestplätze einfahren. Die Modellbau-Industrie fand den „Sixwheeler“ freilich so attraktiv, dass er fröhliche Urständ erlebte, so auch bei Jochen von Osterroth, der die P34-Story mit allen Facetten erlebte.

P34-Vorgänger Tyrrell 007 1975 im Karussell

„Good old 007, aber bei Derek Gardner ist `was Revolutionäres in Arbeit“, verriet mir augenzwinkernd Ken Tyrrell, als ich ihm zur unerwarteten zweiten Startreihe mit Jody Scheckter und Patrick Depailler für den GP von Deutschland 1975 gratulierte. Schließlich hatte Jody mir – als ich mit ihm in einem Tyrrell-Elf-Renn-Capri im Vorjahr über die Nordschleife gedüst war – seine Ring-Sicherheits-Bedenken ziemlich drastisch geschildert. Vorsicht sei angesagt! Der Tyrrell 007 hatte 1975 nicht mehr an den Vorjahres-Erfolg anknüpfen können. Da war Jody WM-Dritter, und das Team kam in der Konstrukteurs-Wertung auf dem gleichen Platz, hinter McLaren und Ferrari. Patrick Depailler, mit dem ich ebenfalls eine Ringrunde gedreht hatte, zu mir: „Täusche Dich nicht über unser Trainingsergebnis, war haben uns die Seele aus dem Leib gefahren. Der 007 braucht einen Nachfolger, und der wird hoffentlich eine Sensation.“ Diese ließ unter der Bezeichnung Project 34 nicht sehr lang auf sich warten: vier Vorderräder! Patrick fuhr die ersten Testrunden mit dem Prototyp des sechsrädrigen Gefährts: „ Da die vorderen, einzeln aufgehängten Radpaare mit kleinen 7-Zoll-Walzen laut unserem Konstrukteur den Luftwiderstand um zwölf Prozent senken, dürften bis zu 40 Mehr-PS frei werden.“ Reichte die Frontverkleidung bis an die Oberkante der Mini-Walzen, so ließen Seitenteile mit den Wasserkühlern noch den aerodynamischen Feinschliff vermissen. Patrick: „Die werden bestimmt noch hochgezogen, um die Luft-Verwirbelung der Hinterräder zu reduzieren. Erstaunt war ich, wie leichtgängig die Lenkung funktionierte.“ Hier wirkt die Zahnstangenlenkung auf die vorderen kleinen Räder, die über Lenkhebel mit den hinteren verbunden sind. Derek Gardner betonte, dass man bei einem Reifendefekt eines der Vorderräder weniger Ärger als bisher haben werde, und außerdem könne man vielleicht bei feuchter Piste die vorderen Pneus mit Profilreifen und die dahinter mit Slicks bestücken. Ziemlich graue Theorie – wie auch der erhoffte PS-Zuwachs!

Detailarbeit am „Tatzelwurm“
Der „Tatzelwurm“ ist bekanntlich ein Mehrfüßler-Fabeltier der Alpen-Region. Gardners „Tatzelwurm“ mauserte sich zu einem realen Renner. Dazu musste ein ganzer Katalog von Detailverbesserungen abgearbeitet werden. Am 9. März 1976 nahm der 34/2 – 24 Zentimeter kürzer und 40 Kilo leichter als der Prototyp – das Testprogramm auf. Ein ursprünglich geplanter Renneinsatz beim Race of Champions in Brands Hatch am 14. März wurde auf den GP von Spanien verschoben. Darüber war Jody Scheckter nicht unglücklich. Hatte er doch im 007/6 dem Ferrari 312T2 025 von Niki Lauda mit mehr als zwei Sekunden Vorsprung die Pole-Position streitig gemacht und den Preis für den Trainingsschnellsten der ersten Sitzung – 100 Flaschen Moet – eingesackt. Dass er dann seine Führung im Rennen im Rechtsknick von „Dingle Dell“ durch einen Material-mordenden Rausschmiss des 007 beendete, ärgerte Ken Tyrrell sichtlich: „Solange der P34/2 noch nicht konkurrenzfähig ist, müssen wir auf den 007 zurückgreifen können.“ Inzwischen hatte der „Sixwheeler“ eine breitere Spurweite vorn und eine geänderte Frontpartie zur Aufnahme des Ölkühlers erhalten. Die Wasserkühler erhielten eine größere Fläche, und natürlich passte sich das Tankvolumen – nur 54 Liter im Prototyp – einer vollen Grand-Prix-Distanz an. Es wurde auf 191 Liter vergrössert.

P34/2 schneller als 007
„Auch wenn wir unter gleichen Streckenbedingungen mit dem P34/2 dem 007 pro Runde eine halbe Sekunde abgenommen haben“, so Ken Tyrrell, „steckt da noch mehr Potential drin. Dabei spielt auch die Reifenwahl ein wichtige Rolle.“ Mit nochmals geänderter Frontpartie, durch Leitbleche fünf Zentimeter erhöht, stellte Patrick Depailler den 34/2 hinter James Hunt und Niki Lauda auf den dritten Startplatz beim GP von Spanien in Jarama, zeigte sich aber nur bedingt zufrieden: „ Mist, zur Pole haben mir 0,19 Sekunden gefehlt, denn bei Tests auf dieser Strecke war ich schneller gewesen.“ Teamgefährte Jody rangierte dagegen mit dem 007/6 mehr als eine volle Sekunde hinter ihm auf dem 14. Startplatz. Derek Gardner fehlte beim Renn-Debüt seiner Sechsrad-Kreation. Wegen einer infektiösen Magenentzündung musste er stationär behandelt werden. So bekam er nicht mit, dass Sieganwärter Depailler nur durch einen Dreher in die Fangzäune den Tyrrell abbremsen konnte. Patrick: „Ich trat aufs Pedal und es tat sich überhaupt nichts.“ „Zum Glück war nur der Heckflügel im Eimer“, resümierte Ken Tyrrell, der Schlimmeres befürchtet hatte. Mit einem Motorschaden im 007 komplettierte Jody das Tyrrell-Pech in Spanien. Zweite Startreihe neben James Hunt und hinter den beiden Ferrari in Zolder: Patrick Depailler konnte zufrieden sein. Jody Scheckter, jetzt im P34/3, lauerte zwei Reihen weiter hinten und holte als Vierter die ersten WM-Punkte für den „Sixwheeler“. Dieses Mal war sein französischer Teamkollege mit Motorschaden ausgefallen.

Auf der Doppelerfolgs-Spur
Dass in Monaco an der Dominanz der Ferrari 312T2 von Niki Lauda und Clay Regazzoni im Training nicht zu rütteln war, mussten March-Pilot Ronnie Peterson und die beiden P34-Treter erkennen. Und im Rennen – Sieger Lauda – wäre es nicht anders gewesen, wenn nicht Clay Regazzoni in der „Rascasse“ mit der Leitplanke angebandelt hätte. So erbte der neue Wahl-Monegasse Scheckter – Penthouse-Apartment neben dem Holiday-Inn – den zweiten Platz, während sich der stolze 750er-Benelli-Besitzer Depailler als Dritter vor „Strietzel“ Stuck und Jochen Mass etabliert hatte. Kommentar von Rennbesucher Günter Netzer: „Toll, wie die Burschen fahren.“ „Anderstorp ist keine Ferrari-Strecke“ hatte Niki Lauda im Training zum GP von Schweden geunkt. Jody Scheckter, neben Mario Andrettis Lotus in der ersten Startreihe, verkündete dagegen: „Mit etwas Glück kann ich hier gewinnen.“ Und Patrick Depailler, hinter dem überraschend schnellen Ensign-Piloten Chris Amon Trainings-Vierter, blies in das gleiche Horn: „Ich auch!“ Summa summarum wurde ein Sexy-Doppelsieg für den P34 (Chassis 34/3 vor 34/2) daraus. Damit schoben sich Jody und Patrick im Championat auf die Punkteränge hinter dem souverän führenden Lauda – Dritter in Anderstorp – vor. Auf dem Circuit Paul Ricard belegte Patrick Depailler hinter James Hunt den zweiten Platz. Und da der Südafrikaner im Team wegen beunruhigender Motorgeräusche nur einen WM-Punkt ergattern konnte, rückte der Franzose in heimischen Gefilden auf den zweiten WM-Rang hinter Lauda vor. Durch einen Podestplatz im Chaos-Rennen von Brands Hatch – Rennabbruch in der ersten Runde wegen einer Massenkollision – rutschte Jody wieder an Patrick (Motorschaden in der 47. Runde) vorbei. Vor ihnen lief alles auf ein WM-Duell Lauda contra Hunt hinaus. Nach Laudas Unfall-Debakel beim 50. GP von Deutschland auf dem Nürburgring und Depaillers Unfall in der ersten Runde nach dem Neustart, konnte Jody Scheckter das Rennen im Sandwich der McLaren-Piloten James Hunt und Jochen Mass beenden.

Tiefen und Höhen
Bester Tyrrell auf dem Österreichring waren nicht die nur aus dem Mittelfeld gestarteten P34, sondern der vom Italiener Alessandro Pesenti-Rossi vor dem GP von Deutschland gekaufte 007/4 als Elfter. Depailler beklagte einen gebrochen Dreieckslenker vorn rechts, und Scheckter war vor dem späteren Sieger John Watson abgeflogen. Krisensitzung bei Ken Tyrrell: „Unsere Sixwheeler sind auf der Geraden zu langsam, und das Handling in schnellen Kurven ist nach Aussage meiner Fahrer beschissen!“ Auch in Zandvoort beim GP von Europa lief der P34 der Konkurrenz hinterher: zwei Punkte für Jody und ein undankbarer siebenter Platz für Patrick, während James Hunt durch seinen Sieg bis auf zwei Punkte an den noch in Behandlung befindlichen Niki Lauda heranrückte. Wie Phoenix aus der Asche wurde Niki ja bekanntlich Vierter in Monza – vor den P34 von Jody Scheckter und Patrick Depailler. Da Tyrrells Fahrer-Wunschkandidat Ronnie Peterson für 1977 – „seit dem Rücktritt von Jackie Stewart versuchte ich Ronnie zu bekommen, da er das Zeug zum Weltmeister hat“ – kurz vor Monza eine Vertrag unterzeichnet hatte, musste sich Jody neu für 1977 orientieren. Mit einem zweiten und vierten Platz für Scheckter und Depailler in Mosport sowie einem zweiten Rang von Scheckter zwischen Hunt und Lauda in Watkins Glen schien die P34-Welt wieder im Lot zu sein. Schließlich belegten die Tyrrell-Boys die WM-Ränge hinter Lauda und Hunt. Das dramatische Finale in Fuji, bei dem Niki Lauda passte, Mario Andretti gewann und James Hunt als Dritter überraschend noch Weltmeister wurde, ärgerte Ken Tyrrell: „Patrick hätte ohne seinen Reifenschaden locker gewonnen, na ja, immerhin ist er noch Zweiter geworden. Wenn man bedenkt, dass Lotus insgesamt nur 29 Punkte eingefahren hat, und McLaren mit 74 Zählern nur drei vor uns liegt, kann man zufrieden sein.“

Was ist los mit dem „Sixwheeler“?
Als Patrick Depailler 1977 immer noch mit dem P34/2-Chassis unterwegs war, konnte sich Ronnie Peterson im P34/5 in der Startaufstellung von Long Beach erstmals vor dem Franzosen platzieren, fiel aber mit einer defekten Benzinleitung aus. Als Vierter stockte Patrick sein bescheidenes Punkte-Konto auf sieben Zähler auf, während Ronnie erneut leer ausging. Was war los mit dem „Sixwheeler“? Diese Frage stellten George Harrison und ich gemeinsam an Ken Tyrrell. Der zuckte nur mit den Achseln. Der Ex-Beatle hatte inzwischen einen neuen WM-Favoriten ausgemacht: „ Obwohl Mario Andretti vom Fahrzeugmaterial größere Chancen besitzt, tippe ich jetzt auf Jody Scheckter im Wolf.“ Ronnie, den er sehr mochte, schien im P34 keine Fortüne beschieden zu sein. Nach meinem Gedankenaustausch mit George, ließ dieser sich von Jackie Stewart dem spanischen König vorstellen. Da verfolgten zwei ungleiche Motorsport-Fans gemeinsam des Rennen: der König im dunklen Anzug, der Popstar mit Jeans und einer Papierjacke mit Union-Jack-Muster. Wieder keine P34-Punkte!

Depaillers P34-Modifikation
Für den Grand Prix von Belgien hatte Patrick Depailler angeregt, dass an der Hinterradaufhängung des P34 etwas geändert werden muss: „ Ich wollte einen oberen Querlenker, der nur ein Drittel so lang ist wie der bisherige. Im Training von Zolder machte sich die Modifikation positiv bemerkbar. Patrick: „ Wunderbar, erstmals ist der Wagen richtig ausbalanciert, und das Heck rollt nicht mehr so stark.“ Flugs wurden aus England die notwendigen Teile eingeflogen, um auch Ronnies P34/5 umzurüsten. Lohn der Konstruktion: Erster Tyrrell-Podestplatz für den Schweden! Patrick, lange mit Ronnie im Formationsflug, hatte durch einen Dreher den Anschluss verloren: „ Auf nasser Piste taugt meine Modifikation leider überhaupt nicht.“ Ronnie, in Monaco sogar auf dem vierten Startplatz, musste den P34/5 mit versagenden Bremsen abstellen und Patricks neuer P34/7 erlitt einen Getriebeschaden. In Anderstorp holte der Franzose drei Punkte, während Ronnie beim Heimrennen bereits in der achten Runden mit defekter Elektrik stehen geblieben war. Gardners Innovation fruchtete nicht. Versuche bei Ferrari mit Doppelbereifung der Hinterräder – wie einst am Auto Union von Hans Stuck – und bei March mit zwei hintereinander angeordneten Hinterradpaaren brachten die Erkenntnis: mehr Räder, mehr Probleme. In Dijon unterhielten sich George Harrison, Jackie Stewart, Nina Rindt und meine Wenigkeit über die „Vielräderei“ und haben nur noch gelacht. Wieder eine 0-Nummer bei diesem GP von Frankreich: Ken Tyrrell war nicht zum Lachen zumute. Inzwischen hatte er sich der Dienste von Maurice Philippe versichert. Dieser sollte aus dem Sechsrad-Dilemma einen Ausweg finden. Völlig chancenlos in Hockenheim: Patrick Depailler möchte zum Saisonende eigentlich bei Tyrrell aussteigen, doch Sponsor Elf bestand auf diesem französischen Fahrer im Team. Damit Elf happy ist, empfahlen Jackie Stewart und ich einen weiteren schnellen Franzosen: Didier Pironi. Bilanz nach Monza: Depailler WM-Zwölfter mit zehn Punkten und Peterson 14. Mit sieben Zählern. Die bis dahin schlechteste Bilanz des einst so erfolgreichen Teams!

Zum Schluss zwei P34-Podestplätze
Peterson im P34/6 und Depailler im P34/7 ziemlich weit vorn in der Startaufstellung von Watkins Glen, doch es regnete im Rennen. Ziemlich hilflos rutschten die „Sixwheeler“ durch die Gegend und lagen beide im Ziel drei Runden zurück. Patrick Depailler: „ Das hatte ich leider schon vor dem Start befürchtet.“ Nässe auch im Training von Mosport, wo Depailler eine vollendete Pirouette drehte. Immerhin holte er im Rennen hinter dem Wolf von Jody Scheckter den zweiten Platz, während Ronnie, Dritter in der Qualifikation, mit einem Benzinleck ausfiel. In Japan kam es ja dann zu dem irren Unfall Villeneuve/Peterson. Patrick Depailler wurde Dritter und verlängerte seinen Vertrag mit Tyrrell.

Back to the roots mit George Harrison
Ken Tyrrell hatte mich nach Oakham, Woking in der Grafschaft Sussex zur Vorstellung des Tyrrell 008 auf der Wiese hinter seiner Team-Behausung eingeladen. Im Wintergarten daneben saßen George Harrison, seine Frau Olivia und ich, um die Präsentation zu würdigen. Patrick Depailler hatte im Wagen Platz genommen, und da fiel uns ein Gag ein, den George für mich fotografierte, weil meine Kamera streikte. Wir platzierten vor dem 008 ein Modell des P34, um die Ablösung und zugleich den „Sixwheeler“-Abschied zu dokumentieren. George wollte mir das Foto zur baldigen Veröffentlichung in „rallye racing“ schicken. Es kam aber sehr verspätet. Als ich schon beim GP von Brasilien in Rio weilte, rief mich die Redaktion an, wer denn dieser Fotograf Harrison von „Dark Horse Records“ sei, der Jochen samt Begleitschreiben dieses Foto geschickt habe. Es sei doch nicht etwa der Beatle George Harrison! „Doch“, sagte ich, „den kenne ich schon länger, er ist übrigens Fan der Grand-Prix-Berichte unseres Blattes. Da kann er seine Deutschkenntnisse etwas aufpäppeln.“ Kommentar unseres Layouters Alexander Westhoff: „Das Foto ist nicht ganz so brillant wie seine Sound. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“